von Carsten Witteck
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20. Januar 2026
Es ranken sich so viele Mythen um Siebe und der Qualität dessen, was rauskommt. Aber fangen wir vorne an: Wer die Siebträgermaschine erfunden hat ist umstritten. Ja, 1884 hat Angelo Moriondo das erste Patent für eine Maschine, die mit Wasser und Wasserdampf arbeitete, angemeldet. Das war aber noch keine klassische Siebträgermaschine, wie wir sie heute kennen. Das, was wir heute kennen hat zweifelsohne Achille Gaggia (ja, die gleichnamigen Maschinen von Gaggia gibt es heute noch!) 1938 beim Patentamt angemeldet. Nämlich einen Kolben, der Wasser mit einem hohen Druck (nämlich 9 bar) durch Kaffeepulver durchpresst. Und dazu braucht es einen sog. Siebträger. Also ein Sieb, welches zwar Wasser durchlässt, aber eben nicht das Kaffeepulver. Mit der Verbreitung der Espressomaschinen Anfang des 20. Jahrhunderts (Italien) entstand der Bedarf, Kaffeemehl gleichmäßig zu verdichten und unter hohem Druck (≈9 bar) mit Wasser zu durchströmen. Die Lösung war der Siebträger mit herausnehmbarem Metallsieb. 1er- vs. 2er-Siebträger (Einzel- und Doppelsiebe) In der Welt der Bairsta spricht man gerne von sog. 1er und 2er Siebträgern. Meist ist damit der komplette Siebträger gemeint, der 1, bzw. 2 Ausläufe am Siebträger hat. Allerdings sind diese gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist die Menge, die das Sieb fassen kann, da man bei einem Verhältnis von 1:2 immer die doppelte Menge an Espresso in der Tasse haben möchte, wie man Kaffeepulver eingefügt habe. Für einen Espresso (und damit als Grundlage für alle Kaffeezubereitungen wie Cappuccino, etc.) benötige ich zwischen 15 und 25ml Espresso in der Tasse. Damit benötigt man in einem Doppelsiebträger min. 15-20 g Mahlgut, damit man zwei Tassen befüllen kann. Definition: 1er-Sieb: für einen einfachen Espresso (ca. 7–10 g Kaffee) 2er-Sieb: für einen doppelten Espresso (ca. 16–20 g Kaffee) Das 1er-Sieb ist meist konisch geformt, damit trotz geringer Kaffeemenge ausreichend Widerstand entsteht. Das 2er-Sieb ist meist zylindrisch und bietet eine gleichmäßigere Extraktionsfläche. Schaut man sich im inneren des Sieb an, wie der Wasserdruck aufgebaut wird, so kommt man schnell zu dem Entschluss, dass Doppelsiebe eine bessere Extraktion liefern als einfache, konische Siebe. Somit müsste man konsequenterweise sagen, dass für eine exzellente Extraktion nur 2er-Siebträger benutzt werden sollten. Dem entgegen steht natürlich: Wenn ich in einem Single-Haushalt nur jeweils Espresso für eine Person beziehe, wäre das eine ganz schöne Verschwendung. Und daher gibt es bei namenhaften Herstellern auch Siebe in kleineren Varianten (10-12g), die dennoch zylindrisch (also gerade) aufgebaut sind und somit eine perfekte Extraktion sicherstellen. Doppelwandige vs. Einwandige Siebe Ein druckloser Siebkorb, allgemein als einwandiger Siebkorb bezeichnet, hat unten nur eine perforierte Schicht. Diese benutzt man standardmäßig in einem Siebträger. Im Gegensatz dazu gibt es sog. doppelwandige Siebe. Diese doppelwandigen Siebe bauen einen künstlichen Druck auf. Dies brauche ich dann, wenn ich beispielweise vorgemahlenen Kaffee verwende, der meist ein wenig älter ist. Warum? Weil hier ein entsprechender Druck aufgebaut wird, um eine Pseudo-Crema zu erzeugen. Als ungeübter Barista erzielt man hier schöne Ergebnisse, aber es ist eben nicht sauber gebrühter Espresso. Erfahrene Barista greifen daher immer zu einwandigen Sieben zurück, die ein unverfälschtes Ergebnis in der Zubereitung erzeugen und somit den klassisch gezogenen Espresso wollen. Doppelwandige Siebe finden sich meist bei Siebträgermaschinen der unteren Preiskategorie (also unter 800 Euro). Bei hochpreisigen Maschinen findet man meist nur einwandige Siebe vor. Bodenlose Siebe In den letzten Jahren ist ein neuer Hype um Siebe entstanden. Eigentlich zur Diagnostik für Baristas entstanden sind diese in den letzten Jahren immer populärer geworden, weil sie durch Social Media Hyping schönere Extraktionsbilder ergeben, als Siebträger mit Auslauf. Bodenlose Siebträger sind Espresso-Siebträger ohne Auslauf, die eine direkte Sicht auf die Extraktion ermöglichen, um Fehler wie Channeling (Wasser schießt durch Löcher) oder schiefes Tampen sofort zu erkennen und die Technik zu verbessern, was zu besserem Aroma führt, erfordert aber präzises Mahlen und Tampen und kann spritzen. Ausserdem sind sie nur geeignet für Single-shots, da man den Bezug nicht auf zwei Tassen verteilen kann. Sie erleichtern die Reinigung, da sich keine Kaffeefette im Auslauf ansammeln und heizen schneller auf, da sie weniger Masse haben. Sie eignen sich ideal für ambitionierte Baristas, die ihre Fähigkeiten verfeinern wollen. Gibt es qualitativ einen Unterschied in der Extraktion? Ja und nein! Denn wie geschrieben, erfordert ein bodenloser Siebträger eine noch genauere Ausführung im Tampern und mahlen. Fazit: Grundsätzlich nur Siebe benutzen, die zylindrisch aufgebaut sind, damit eine optimale Extraktion gewährleistet werden kann. Die Entscheidung, ob bodenlose Siebe benutzt werden muss jeder selbst treffen. Aber spätestens bei einem Bezug von zwei Tassen gleichzeitig hat das bodenlose Sieb verloren - und das dürfte der Grund sein, warum in Specialty Café keine bodenlosen Siebe zum Einsatz kommen, sondern dies meist nur eine Spielerei für Heim-Baristas ist. Mehr Informationen zu Sieben, Siebträgern und anderen Kaffeethemen findest Du auch in unseren Barista-Kursen.